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Tagesausgabe

Özdemir und der Wein: Ein Aufruf zur Genusskultur aus Baden-Württemberg

Cem Özdemir ruft dazu auf, mehr Wein aus Baden-Württemberg zu genießen. Hinter dieser Initiative steckt nicht nur ein Genuss, sondern auch eine Wertschätzung regionaler Kultur.

Anna Richter··3 Min. Lesezeit

In meinem kleinen, heimischen Garten steht ein alter Weinstock, der mir immer wieder ein Schmunzeln entlockt. Es sind seine Lianen, die wie verflochtene Gedanken durch die Luft tanzen. An sonnigen Tagen, wenn der Wind die Blätter sanft erzittern lässt, merke ich, wie sehr ich die Weintrauben liebe, die er irgendwann einmal tragen wird. Sie sind ein Symbol für die Fülle, die die Natur schenkt und auch für die Mühe, die in der Kultur des Weinanbaus steckt.

Kürzlich stieß ich auf eine Nachricht, die mich sowohl amüsierte als auch nachdenklich stimmte. Cem Özdemir, der Bundesminister für Ernährung und Landwirtschaft, hat eine Kampagne ins Leben gerufen, die dazu aufruft, mehr Wein aus Baden-Württemberg zu trinken. Ein ehrgeiziger Plan, in einer Zeit, in der der Bierkonsum in Deutschland noch immer das Maß aller Dinge ist. Doch die Ansprache ist nicht ganz ohne Brisanz: Wie oft haben wir in geselligen Runden das lokale Bier gewählt, nur weil es in der Kühle des Glases besser schimmert als ein guter Riesling?

Die Frage, die sich mir aufdrängt, ist, warum wir die Weinkultur in einem so weinreichen Land wie Deutschland oft vernachlässigen. Etwa 100.000 Hektar Rebfläche sprechen eine klare Sprache. Diejenigen, die jemals durch die malerischen Weinberge der Pfalz oder des Kaiserstuhls geschlendert sind, wissen, dass sich hier Weine finden, die nicht nur in Deutschland, sondern auch international anerkannt sind.

Özdemir spricht von der Wertschätzung der regionalen Produkte, von ökologischen Anbauformen und von der Erhaltung der Tradition. Das mag alles gut und schön sein, doch gibt es uns nicht auch einen gewissen Vorteil, wenn wir lokale Weine konsumieren? Dies beginnt schon bei der Nachhaltigkeit: Während der Transport von Weinen aus Übersee immense Kohlenstoffemissionen erzeugt, bleibt der Transport von lokal produziertem Wein überschaubar – sowohl in der Distanz als auch in den Emissionen.

Aber ist es nicht auch eine kulturelle Frage? Ein Glas Wein aus Baden-Württemberg erzählt immer eine Geschichte. Wenn man den Wein in der Hand hält und die feine Struktur des Geschmacks auf der Zunge explodiert, wird man an die Mühe erinnert, die Winzer in den Weinbergen investieren. Diese Expertise geht oft verloren, wenn wir nur auf „gebrandete“ Weine aus dem Ausland setzen.

Ein weiterer Punkt, den Özdemir anführt, ist die Integration der kulinarischen Kultur. Es ist nicht nur das Weintrinken an sich, sondern die Begleitung eines guten Weins mit regionalen Spezialitäten. Ein kräftiger Lemberger passt hervorragend zu einem herzhaften Flammkuchen oder einem zarten Wildgericht. Der Wein ist nicht nur ein Getränk; er ist Teil des Erlebens, Teil der Gesellschaft, die ihn produziert.

Vielleicht wird es uns eine Lehre sein, die Weinkultur nicht nur als etwas zu sehen, das man gelegentlich bei einem feierlichen Anlass genießt, sondern als etwas, das uns im Alltag begleitet. Umso mehr, als ich bei einer kürzlichen Weinprobe in einem kleinen Weingut in der Nähe von Stuttgart feststellen konnte, dass Wein nicht nur dem Gaumen, sondern auch der Seele Freude bereitet.

In den nächsten Wochen und Monaten wird die Kampagne von Özdemir sicherlich nicht nur für Diskussionen sorgen, sondern auch für neue Entdeckungen in der Weinkultur. Ich hoffe, dass wir lernen, unseren Gaumen auf die Vielfalt der regionalen Weine zu sensibilisieren. Denn letzten Endes ist es eine einfache Wahrheit: Wenn wir mehr Wein aus Baden-Württemberg trinken, feiern wir nicht nur den Geschmack, sondern auch die Tradition, die uns verbindet.

Also, das nächste Mal, wenn ich im Supermarkt stehe, werde ich sicher einen Blick auf die Weinregale werfen. Vielleicht wird aus einem schlichten Bottich Wein, den ich unbemerkt übergangen habe, mein neuer Lieblingswein. Es sind solche kleinen Entscheidungen, die letztlich den Unterschied ausmachen können – ganz im Sinne von Cem Özdemirs Aufruf zur Wertschätzung des Weins aus Baden-Württemberg.